Tag drei - away we go
Guten Abend,

auch heute ein kleiner Einblick in das Wie und Wieso des Trinkens.

Ich stand also vor einer Entscheidung. Entweder ich blieb weiterhin ein sozial isolierter Jugendlicher und beobachte die schönen Mitschülerinnen aus der Ferne und schreibe dafür gute Noten und zeige es allen, oder ich versuche cool zu werden.

Da ich ziemlich schlecht in Mathe war und anderen Fächern in denen man systematisch Denken musste, überlegte ich mir, an wen ich mich halten sollte um cool zu werden. Das ganze hat monatelang furchtbar funktioniert. Ich war also uncool und schlecht in der Schule. Jackpot. Meine Eltern haben mich geliebt.

Doch dann kam die Wende. Und erst im Nachhinein weiß ich, wem ich sie zu verdanken habe.

Es war in Paris. Wir waren auf einer Klassenfahrt. Ich hatte ein Doppelzimmer mit meinem mittlerweile guten Freund, welcher mir auch die Schule gezeigt hatte am ersten Tag. Die an der Reise teilnehmenden Schüler waren äußerst unterschiedlich.

Es gab einerseits die Proleten, jene die bereits in jungen Jahren mit dem Muskelaufbau begonnen hatte und deren Vokabular sich auf "Alter; Digger; Aufs Maul du Mongo?" beschränkt. Dann gab es noch die akzeptierten Normalen. Das waren zumeist Mädchen, die sich gut artikulieren konnten, berufliche Ziele hatten und sich auf das Kommunikationsniveau der anderen Gesprächspartner einstellen konnten. Weiterhin gab es die attraktiven Mädchen. Eine Gruppe aus vier oder fünf blonden Mädchen mit enger Kleidung, Zigaretten und möglichst vulgären Äußerungen über Sexual-Praktiken und die Penis-Größen der Proleten. Und zum Schluss die traurigste Gruppe. Wir. Damit meine ich mich und den ganzen Rest der heute Vergessenen. Wir hatten keine Feinde, und waren einfach nur so dabei, gleichermaßen Entfernt von Freuden und Problemen haben wir uns eine friedliche Koexistenz geschaffen. Und wir waren eigentlich ziemlich zufrieden damit.

Dann passierte es. Es war der letzte Abend in dem Hostel, welches für uns angemietet wurde. Eine mir neue Flüssigkeit sollte dazu führen, dass ich eine Zigarette rauchte, die erste meines Lebens, dass ich zusammen mit den coolen in einem Raum war, und dass ich den ersten blanken weiblichen Po meines Lebens erblicken durfte.

Der Schlüssel zu all dem trug den Namen "Erdbeerbowle" und wurde scheinbar von der Proletengruppe organisiert, einige von ihnen sahen bereits älter aus als 18.

Was genau der Alkohol an diesem Abend entfesselt hat, erfahrt ihr in Episode Vier!

Doch wie geht es mir? Nach wie vor erstaunlich gut. Die Nacht war wieder so erholsam, kein morgendlicher Kater, kein unregelmäßiger Stuhlgang und vorallem: Weniger Stress. Nachrichten über die Flüchtlingskrise, die Eurokrise und den Welthunger lassen mich kalt. Oder sagen wir, kälter als sonst. Wer hätte es gedacht, aber ich bin gespannt was die kommenden Tage bringen.

Schönen Abend noch!